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Kunst
Medien
Philosophie
 
Konstitutiv für die Philosophie ist eine Balance zwischen persönlich-künstlerischem Anspruch einerseits und unpersönlich-wissenschaftlichem Anspruch auf allgemeingültige Wahrheit andererseits – eine Balance, welche die eigentümliche Ambivalenz des Status der Philosophie ausmacht, Kunst und Wissenschaft zugleich zu sein. Die Ansiedlung der Philosophie an einer Kunsthochschule wie der HfG bietet die Chance, ihren künstlerischen Anspruch institutionell zu verankern und entsprechend zu fördern. Der akademische Kunstraum begünstigt die Entwicklung eines individualisierten und personalisierten philosophischen Diskurses. Philosophie kann hier als Kunst- und Lebensform, die einer Bühne bedarf, sowohl erforscht als auch praktiziert werden.
 
In meinen Seminaren an der HfG werden traditionelle wie aktuelle Strategien der medialen Inszenierung von Wahrheit in Kunst, Wissenschaft und Öffentlichkeit untersucht und diskutiert. Neue Strategien der Inszenierung können in Zusammenarbeit mit den künstlerischen und gestalterischen Disziplinen entwickelt und erprobt werden. Philosoph/innen und Künstler/innen arbeiten mit ähnlichen medialen Techniken der Konstitution und Exposition des Selbst (oder des Kollektivs) im sozialen, politischen und ökonomischen Kontext. Diese Techniken, die für Künstler, Designer und Theoretiker gleichermaßen von Belang sind, können im Fach Medienphilosophie analysiert und erprobt werden.
 
Ihre Ansiedelung an der Kunsthochschule ermöglicht es der Philosophie, ihrem künstlerischen Anspruch zu entsprechen. Der Raum der Kunst bietet einen Rahmen, in dem der Einzelne das Risiko auf sich nehmen kann, einen stark individualisierten und personalisierten philosophischen Diskurs zu führen – und Philosophie als Kunstform sowohl zu analysieren als auch zu praktizieren. Wohl bemerkt ist die Philosophie als Kunstform von der Ästhetik als einer klassischen Disziplin der akademischen Philosophie deutlich unterschieden: Während in der Ästhetik Kunst (als das „Schöne und Erhabene“) und Philosophie sich als Objekt und Subjekt der philosophisch-wissenschaftlichen Betrachtung unvermittelt gegenüber stehen, geht es der Philosophie, insofern sie als Kunstform gesehen und praktiziert wird, darum, die philosophischen Aussagen und Figuren als künstlerische, d.h. als persönliche, individuelle, aber auch strategische und politische zu verstehen.
 
 
 
Seminare
 
 
Wintersemester 2013/2014
 
Die Liebe an die Macht. Produktion des Sozialen II
Wenn eine Gesellschaft eine Gesellschaft von Gleichen ist, stellt sich die Frage, wie diese Gleichheit herzustellen ist. Durch gleichen Besitz? Durch gleiche Herkunft? Durch gleiche Chancen? Durch gleiche Rechte?
Richard Wagner und Marshall McLuhan meinen: durch Überwindung der gesellschaftlichen (und künstlerischen) Spezialisierung.
Die von Marx so genannten utopischen Sozialisten des 18. und 19. Jahrhunderts (Babeuf, Fourier, Blanqui, Saint-Simon, Moses Hess) ebenso wie die russischen Biokosmisten des 20. Jahrhunderts (Ciolkovskij, Svjatogor, Jaroslavskij, Murav’ev, Bogdanov) meinen: durch die Liebe. Als kontinuierliche Praxis freiwilliger Selbstenteignung vermag die Liebe fragmentierte Gesellschaften in Gesellschaften von Gleichen zu verwandeln.
Im Seminar werden ausgewählte Schriften der utopischen Sozialisten und der Biokosmisten gelesen und diskutiert. Vergleichend werden außerdem die humanistischen Sozialutopien (Morus’ „Utopia“, Campanellas „Sonnenstaat“, Bacons „Nova Atlantis“) sowie die modernen Dystopien, in denen die Liebe ausgeschlossen ist (Samjatins „Wir“, Huxleys „Brave New World“, Orwells „1984“), analysiert.
Dabei sollen insbesondere die unterschiedlichen Formen der räumlichen und medialen Inszenierung von Kollektiven und des Designs von Staaten, Städten, Gebäuden, Gebrauchsgegenständen und Personen bzw. Körpern untersucht werden.
 
Bau. Bauplatz. Versuchsplatz
Das Bauhaus-Manifest von 1919 verkündet: „Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau.“ Als Gesamtkunstwerk ist der Bau das Werk einer Arbeitsgemeinschaft, in der nicht nur der Unterschied zwischen Künstler und Handwerker, sondern auch gesellschaftliche Unterschiede aufgehoben sein sollen.
Die Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe situiert sich in der Tradition des Bauhauses. Wo ist ihr gemeinsamer Bau(platz)?
Im Blockseminar sollen Entwürfe für kollektive Arbeits- und Ausstellungsformen im Lichthof der HfG erarbeitet werden, bei denen die Arbeit immer schon ausgestellt wird – und bei denen an Ausstellungen nicht nur gegen Semesterende, sondern während der gesamten Semesterzeit gearbeitet wird.
Wir brauchen Studierende und Lehrende aller Fachgruppen!
 
Kunst und Weltkrieg. Die Kunst der Zerstörung II
Während sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Destruktionsmaschinerie des Ersten Weltkriegs entfaltete, produzierten die modernen Künstler (Futuristen, Dadaisten, Suprematisten u.a.) Bilder der Zerstörung – die allerdings, gerade weil sie die Zerstörung konsequent begrüßen, jede Zerstörung überdauern können. In Kooperation mit dem Theater Pforzheim und Robert Eikmeyer, der dort im April 2014 zum Anlass des hundertsten Jahrestags des Weltkriegsbeginns seine Operncollage „Luftbeben 100_14“ uraufführen wird, werden wir ein Symposium zum Thema Kunst und (Welt)Krieg veranstalten.
Anstelle von Referaten sollen in diesem Seminar Symposiumsbeiträge (in Wort und/oder Bild) verfasst werden.
Besonders Teilnehmer/innen meines Seminars „Kunst der Zerstörung“ (Wintersemester 2012/2013) sind eingeladen, am Symposium zu partizipieren. Die Teilnahme am Vorgängerseminar ist jedoch nicht zwingende Vorraussetzung für den Besuch des Seminars oder für einen Symposiumsbeitrag; Neuzugänge sind ebenso willkommen.
 
Sommesemester 2013
 
Die Produktion des Sozialen. Kunst, Medien, Politik
Als Gesamtkunstwerk bezeichnet Richard Wagner eine künstlerische Praxis, in der künstlerische wie gesellschaftliche Spezialisierung, Individualismus, Egoismus und die damit einhergehende gesellschaftliche Spaltung überwunden werden zugunsten einer neuen, geeinten Menschheit. Für Marshall McLuhan ist es der Fortschritt der Technik, der ohne jeden künstlerischen Eingriff genau den gleichen Effekt erzielt: Das Aufkommen der elektronischen Medien beendet die Ära des Individualismus, der Spezialisierung und der gesellschaftlichen Fragmentierung.
Im Seminar wird die Idee des Gesamtkunstwerks analysiert, wie sie von Wagner formuliert und von Nietzsche, Futuristen und Konstruktivisten, Malewitsch und Kandinsky, Dada und Fluxus, Jünger, Debord, Warhol, Beuys, Syberberg, Schlingensief u.a. weiterentwickelt wurde. Im Kontrast dazu werden wir „Understanding Media“ von Marshall McLuhan lesen, der das Soziale als ein rein technisch-medial produziertes, anonymes Gesamt(kunst)werk beschreibt (die heutige Utopie der Social Media vorwegnehmend). Mit zusätzlichem Blick auf Martin Heideggers Schriften zur Technik sowie auf Texte von Marcel Mauss und Michail Bachtin über sakrale und karnevalistische Riten soll schließlich die Frage nach der Möglichkeit eines solchen anonymen Gesamt(kunst)werks ohne Kunst und Künstler diskutiert werden.
 
Hugo Ball Archiv
Künstlerische Leitung der Ausstellung des Hugo Ball Archivs in Pirmasens.
(Fortsetzung der gleichnamigen Veranstaltung aus dem Wintersemester 2012/2013. Nur für Studierende, die bereits an der Veranstaltung im Wintersemester teilgenommen haben.)
 
Wintersemester 2012/2013
 
Die Kunst der Zerstörung
Wenn Künstler und Philosophen sich demonstrativ zur Zerstörung bekennen, so tun sie dies nicht aus purer destruktiver Absicht. Das Bild der Zerstörung, das sie schaffen, soll gerade jede Zerstörung überdauern.
Im Seminar werden philosophische und künstlerische Positionen vorgestellt und analysiert, welche die paradoxe Figur der Erneuerung oder der Rettung durch Zerstörung vorführen: Heraklit, F. Nietzsche, M. Bakunin, G. Sorel, W. Benjamin, C. Schmitt, J. Derrida, G. Agamben; E.A. Poe, S. Mallarmé, K. Malewitsch, H. Ball, A. Loos; E. Jünger; Laurel & Hardy; Le Corbusier; J. Tinguely, G. Matta-Clark, G. Metzger u.a.
 
Sommersemester 2012
 
Passage à l’acte: Kunst zwischen Autonomie und Politisierung
Seit die Kunst aufgehört hat, im Dienst religiöser und autokratischer Mächte zu stehen, bewegt sie sich zwischen den zwei extremen Polen einer totalen künstlerischen Autonomie und einer radikalen Politisierung. Dabei ist die Kunst mit einer Problematik konfrontiert, die in Platons Figur des Philosophenherrschers vorgezeichnet ist: Das Ganze kann nur beherrscht (oder verändert) werden von einem, der das Ganze überblickt; wer aber das Ganze überblicken will, muss über dem Ganzen oder abseits des Ganzen stehen. Und: Zur Herrschaft befähigt ist nur derjenige, der über sich selbst herrscht.
Im Seminar werden neben einschlägigen Texten von Karl Marx und Friedrich Nietzsche ausgewählte philosophische und künstlerische Positionen und Praktiken vorgestellt und diskutiert, die auf ganz unterschiedliche Weise zwischen Autonomie und Politisierung – zwischen ästhetischer (individueller) und politischer Revolution – oszillieren: Russische Avantgarde; Futurismus; Hugo Ball und Dada; André Breton, Georges Bataille und der Surrealismus; Georges Sorel; Walter Benjamin; Theodor W. Adorno; Jean-Paul Sartre; Guy Debord und die Situationistische Internationale; Joseph Beuys; Christoph Schlingensief u.a.
 
Wintersemester 2011/2012
 
Unter dem Blick des Anderen
Wir suchen und fürchten ihn zugleich: den Blick des Anderen (oder der anderen), sei es der Blick Gottes, der Blick des Publikums oder der Blick der Überwachungsapparate und -netzwerke.
Jede Selbstdarstellung, jede Subjektwerdung vollzieht sich unter dem Blick des Anderen – und begibt sich dabei in eine Abhängigkeit von diesem Anderen, gerät unter seine Kontrolle.
Zu diesem Thema werden im Seminar Texte von Hegel, Nietzsche, Foucault, Sartre, und Lacan gelesen und diskutiert. Darüber hinaus werden Beispiele für religiöse, philosophische und künstlerische Manipulationen des Blicks des Anderen vorgestellt.
Das Seminar versteht sich als Fortsetzung des Seminars „Räume der Selbstpräsentation“ vom Sommersemester. Dessen Besuch ist aber nicht Voraussetzung für die Teilnahme am Seminar.
 
Sommersemester 2011
 
Räume der Selbstpräsentation
Kunst kommt nicht von Sehen, sondern von Zeigen: Im Gegensatz zum Subjekt der klassischen Ästhetik, das sieht, betrachtet, empfindet und wahrnimmt, manifestiert sich das Subjekt der modernen Kunst als eines, das (sich selbst) zeigt, (sich selbst) inszeniert, (sich selbst) darstellt, (sich selbst) präsentiert, (sich selbst) kuratiert. Bei dieser Selbstinszenierung geht es nicht um eine Produktion von Dingen, auch nicht um eine Auswahl von Dingen, sondern um eine Arbeit mit dem – öffentlichen, alltäglichen, musealen, medialen, virtuellen – Raum.
Im Seminar werden philosophische und künstlerische Techniken der Selbst­präsentation und der Selbstausstellung in unterschiedlichen Räumen untersucht.
Nach Exkursen zu Sokrates, Diogenes und den spätantiken Wüstenmönchen sowie einem kurzen Sprung ins 19. Jahrhundert zu Décadents und Dandys (Wilde, Kierkegaard, Rimbaud, Baudelaire) wird sich das Seminar den selbstkuratorischen Strategien von Rodtschenko, Duchamp, Dalí, Klein, Brodthears, ­Warhol, Debord, Beuys, Kosuth, Kabakov, Hirst u.a. zuwenden.
 
Wintersemester 2010/2011
 
Ökonomie des Symbolischen Tausches
Seit Adam Smith wird der Marktteilnehmer von der ökonomischen Theorie als ein selbstsüchtiges, berechnendes Individuum beschrieben, das konsequent dem Kosten-Nutzen-Kalkül folgt, nach Profit strebt, Kapital akkumuliert und investiert.
Der Kunst- und Kultursoziologie zufolge gehorcht auch die Kunst dem Prinzip der Akkumulation und Investition „symbolischen Kapitals“ (Pierre Bourdieu). Wie aber eine Ökonomie funktioniert, die mit symbolischen, unendlichen Werten statt mit endlichen Werten wie Waren oder Geld operiert, hat als erster Georges -Bataille im Rückgriff auf den geschenk-ökonomischen Ansatz von Marcel Mauss beschrieben: In der Ökonomie des symbolischen Tausches gewinnt derjenige, der am konsequentesten verliert, verschwendet, vernichtet, der radikal scheitert oder sogar untergeht.
Neben den Schriften von Marcel Mauss und Georges Bataille werden im Seminar  u.a. Texte von Friedrich Nietzsche, Jean Baudrillard, Jacques Derrida und Boris Groys vorgestellt.
 
Sommersemester 2010
 
Kunst und Wahrheit
Gibt es eine singuläre Wahrheit – eine Wahrheit, die nur einem (oder wenigen) zugänglich ist? Oder muss die Wahrheit allen zugänglich sein, um wahr zu sein? Wir kennen die singulären Wahrheiten, wie sie von Propheten, Visionären oder Philosophen (z.B. Platon) verkündet wurden. Die neuere Philosophie seit Descartes und Kant forderte, dass die Wahrheit in der Natur zu suchen sei, dass sie nicht übernatürlich sein dürfe – und in diesem Sinne allen Menschen als natürlichen Wesen gleich zugänglich sein müsse. Dieser nach wie vor aktuellen Forderung widersetzen sich von der Mitte des 19. Jahrhunderts an die Propheten und Visionäre singulärer Wahrheiten in der modernen Kunst, indem sie sich gerade auf natürliche Gründe für ihre Singularität berufen: Krankheit, Nervosität, Degeneration, Wildheit, Effeminiertheit oder Kindlichkeit. Dabei werden die singulären Wahrheiten nicht als bloß individuelle verstanden, sondern als Einsichten in die Beschaffenheit der Tiefen der Natur, die dem oberflächlichen Blick des „normalen” Auges verwehrt bleiben.
Im Seminar werden dieser Coup und seine Konsequenzen für die moderne und zeitgenössische Kunst untersucht.
 
Wintersemester 2009/2010
 
Anarchismus: Kunst, Politik, Philosophie
Die Moderne in allen ihren Aspekten inklusive Politik, Kunst, soziales Leben, familiäre Beziehungen und Bildung wird bekanntlich als Befreiungsprojekt definiert und bestimmt sich über vielfältige Emanzipationsdiskurse. Der Anarchismus kann als der radikalste Ausdruck dieses Befreiungsprojekts gesehen werden, da das Ziel der anarchistischen Bewegung nicht die Machtergreifung, sondern die Machtabschaffung ist. Im Seminar werden führende Denker des Anarchismus wie Stirner, Bakunin, Kropotkin und Sorel bis hin zu Negri und Hardt diskutiert. Darüber hinaus werden auch künstlerische Bewegungen und Praktiken thematisiert, die sich als künstlerische Manifestation der anarchistischen Idee verstehen, wie Dada, Fluxus, Situationistische Internationale und Weather Underground.
 
Sommersemester 2009
 
Warenfetischismus
 Der von Waren umzingelte Mensch in der industriell-kapitalistischen Gesellschaft wähnt sich in einer nüchternen, rationalisierten, entzauberten Welt. Diesem Bild hat Karl Marx mit seiner These vom ­Fetischcharakter der Ware widersprochen. Nach Marx’ zum Teil ironischer Analyse huldigt die kapitalistische Gesellschaft einem gleichsam primitiven mystisch-religiösen Kult, der sich im Phänomen des „Warenfetischismus“ und der „Magie des Geldes“ („Geld heckendes Geld“) äußert. Der Fetischismus besteht darin, die Ware („ein sehr vertracktes Ding“) als ein selbständiges, vor den Augen des Konsumenten tanzendes, mit eigenem Leben begabtes Ding zu betrachten – während sie doch ein mit lebendiger menschlicher Arbeit aufgeladener toter Gegenstand ist. Auf dieser Verwechslung und Vertauschung von Mensch und Ding, Person und Sache, Produzent und Produkt, Subjekt und Objekt, Leben und Tod beruht nach Marx die Selbsttäuschung der kapitalistischen Gesellschaft. Dabei ist der Fetischismus von den Vorgängen der kapitalistischen Warenproduktion und des Warentauschs unzertrennlich, er ist die „Religion des Alltagslebens“ – und verschleiert den unheimlichen Vorgang der Absorption von Arbeit ins Kapital. Im Seminar soll diese Marxsche These von der verzauberten, verkehrten, verrückten Welt des Kapitalismus analysiert und diskutiert werden. Im Zentrum des Seminars steht die Lektüre von Karl Marx’ Werk „Das Kapital“ (Band I), flankiert von weiteren seiner Schriften. Darüber hinaus werden Texte von G.W.F. Hegel, Walter Benjamin, Max Horkheimer/Theodor W. Adorno sowie Louis Althusser (Lehrer von Foucault, Derrida und Rancière) gelesen. Als Einstimmung zum Seminar sei der Filmessay von Alexander Kluge „Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital“ (3 DVDs, 2008) empfohlen.
 
Wintersemester 2008/2009
 
Tief unten
In letzter Zeit hat die These eine große Karriere gemacht, dass die positiven Wissenschaften – insbesondere Hirnforschung, Reproduktionsmedizin und sonstige neuere biologische Entwicklungen – die traditionelle Philosophie in ihren Fundamenten erschüttert und den philosophischen Diskurs als solchen abgewertet haben. Die Philosophie wird dabei ausschliefllich als Lob und Verteidigung des Höheren, des Edlen, des Geistigen, der Subjektivität und des freien Willens verstanden. Allerdings schließt die philosophische Tradition eine lange Geschichte des philosophischen Materialismus ein: Das Misstrauen gegen alles Hohe und Vornehme, die Tieferlegung der menschlichen Motive, die Dezentrierung des Subjekts und der Zweifel am freien Willen sind die ältesten Themen der europäischen Philosophie! Dabei verraten alle materialistischen Positionen einen gewissen Geschmack am Niederen und Gemeinen sowie eine Vorliebe für desillusionierende und demaskierende Gesten. Im Seminar wird versucht, diese etwas aus dem Blickfeld geratene materialistische Tradition zu rekonstruieren, von Demokrit und Epikur über die materialistischen Strömungen der Aufklärung und den so genannten Vulgärmaterialismus des 19. Jahrhunderts (erklärter Gegner des Marxschen Materialismus) bis zum linguistischen Materialismus der französischen Philosophie der 1960er und 1970er Jahre (Lévi-Strauss, Deleuze, Foucault).
 
Sommersemester 2008
 
Das schwache, das andere, das befreite Geschlecht. Existenzialismus und Emanzipation – Simone de Beauvoir
„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Dieses berühmte Zitat von Simone de Beauvoir wird im Zentrum des Seminars stehen, in dem der moderne, von Beauvoir begründete Feminismus als ein Fall von angewandtem Existenzialismus untersucht werden soll. Neben Werken von Simone de Beauvoir („Das andere Geschlecht“, „Das Alter“) werden Texte aus der jüngeren feministischen Theorie, u.a. von Judith Butler („Das Unbehagen der Geschlechter“, „Körper von Gewicht“) gelesen und diskutiert. Auch apodiktische Stimmen wie die von Camille Paglia („Masken der Sexualitat“) und Otto Weininger („Geschlecht und Charakter“) sollen zu Wort kommen. Das Seminar versteht sich als Fortsetzung des Sartre-Seminars vom Wintersemester (ohne dass der Besuch des letzteren Voraussetzung für die Teilnahme wäre).
 
Wintersemester 2007/2008
 
Kunst und Engagement
Sein Konzept einer engagierten Kunst hat Jean-Paul Sartre, der Popstar des französischen Existenzialismus, in polemischer Auseinandersetzung mit einer dem ästhetizismus huldigenden, bloß konsumierenden und parasitären Künstler-Aristokratie entwickelt. Dabei kann Engagement nicht einfach mit politischer oder tendenziöser Kunst gleichgesetzt werden und ist durchaus von Ambivalenz gekennzeichnet. So sieht Sartre etwa in dem von ihm sogenannten „Terrorismus der Höflichkeit“ Mallarmés oder in Flauberts Maxime „Wer verliert, gewinnt“ äußerste Formen des Engagements. Im Zentrum des Seminars steht eine intensive Lektüre von Sartres philosophischem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“, begleitet von literarischen und kunstkritischen Texten Sartres (u.a. „Mallarmés Engagement“).
 
Sommersemester 2007
 
De Sade und der Terror der Aufklärung
Seit Platon wissen wir, dass philosophische und erotische Erziehung zusammenhängen, und dass die Wahrheit eine erotische Dimension hat. Der Marquis de Sade hat wie kein anderer die dunkle, negative Seite dieses philosophischen Eros offengelegt. Zugleich hat er das philosophische Projekt der Aufklärung bis zur letzten bitteren Konsequenz betrieben: Der Mensch ist Teil der Natur (und sonst nichts), und Natur bedeutet Anarchie, Kampf und Zerstörung. Eins sein mit der Natur heiflt also zerstören und töten. Dem Terror der Aufklärung entspricht bei de Sade der Terror der philosophisch-erotischen Exerzitien, deren Zwangsmechanismen er demonstriert. Zugleich liefert er eine elegante Parodie dieser Praxis des Herbeiführens „zwingender Einsicht“. Im Zentrum des Seminars stehen die Hauptwerke de Sades („Die Philosophie im Boudoir“, „Justine“, „Juliette“). Daneben werden ausgewählte Texte der Aufklärung („Der Mensch eine Maschine“ von La Mettrie, „Rameaus Neffe“ von Diderot) sowie Kommentare zu de Sade von Theodor W. Adorno, Simone de Beauvoir, Georges Bataille, Roland Barthes und Jacques Lacan gelesen und diskutiert.
 
Wintersemester 2006/2007
 
Kunst und Krankheit.
Kultur und Industrie
Nicht nur im Fin de Siècle, sondern auch heute wieder werden literarische und künstlerische Produkte als Symptome angeschlagener individueller oder sozialer Körper interpretiert. Die abwertende Diagnose der „Kulturärzte“ lautete einst, am Ende des 19. Jahrhunderts: Dekadenz und Degeneration. Dekadenz steht für Künstlichkeit, Überfeinerung, Erschöpfung, Verwesung und Zerfall. Die „Patienten“ von damals kultivierten hingegen die utopische Dimension von Krankheit: Künstlichkeit, Überfeinerung, Erschöpfung, Verwesung und Zerfall lassen sich durchaus genie?en. Mehr noch, es handelt sich dabei um Zustände der Erlösung des Körpers in einer Welt, aus der die Naturwissenschaften Geist, Gott, Metaphysik und Transzendenz verbannt haben. Zugleich aber kommt Dekadenz immer dort ins Spiel, wo Kunst auf Markt, wo Kultur auf Industrie trifft. Neben Diagnosen von „Kulturärzten“ (C. Lombroso, M. Nordau) und heutigen Vertretern der Soziobiologie werden im Seminar Texte von Baudelaire, Huysmans, Mallarmé, Nietzsche, Benjamin, Adorno, Sartre, Derrida und Agamben gelesen.
 
Sommersemester 2003
 
Entweder – oder. Das Subjekt als Readymade
Im philosophischen Diskurs von Sören Kierkegaard wurde zum ersten Mal die Lage einer Subjektivität reflektiert, die nach dem von Hegel proklamierten „Ende der Geschichte“ ihre historische Aufgabe verloren hat. So stellt sich die Frage: Wie kann die menschliche Subjektivität sich selbst bestimmen, wenn alle historischen Möglichkeiten ihrer Realisierung erschöpft sind und sie in diesem Sinne bereits fertig sind? Diese Fragestellung ist nach wie vor gültig, weswegen die Autoren unserer Zeit ständig auf die Grundfiguren des Kierkegaardschen Denkens zurückgreifen. Im Seminar werden die Schriften von Kierkegaard unter dieser Perspektive gelesen und diskutiert.
 
Wintersemester 2002/2003
 
Was ist das Leben?
Mit Beiträgen zur Biopolitik und zum „nackten Leben“ haben sich Stars der aktuellen philosophisch-politischen Szene wie Foucault, Negri/Hardt und Agamben etabliert. Nach Gott, der Natur, der Geschichte, den Produktionsverhältnissen, dem Unbewussten ist nun also das Leben zum alles tragenden Medium ausgerufen worden. Doch was ist das Leben? Und wie kann man sich dem Leben nähern? Der Philosoph Henri Bergson entwickelt eine Metaphysik des Lebens, in der Philosophie als strenge Wissenschaft sich nicht mehr am Modell der Mathematik (Descartes), sondern am Modell der Biologie ausrichtet. Dabei bekämpft er jeden Versuch einer erschöpfenden positivistisch-naturwissenschaftlichen Erforschung und Beschreibung der Lebensvorgänge, wie ihn etwa die Gehirnforschung unternimmt – denn das Gehirn, so Bergson, ist weder Ursache noch Reservoir der Bilder in unserem Bewusstsein, sondern selbst ein Bild, und ein Bild kann andere Bilder nicht erzeugen oder determinieren – allenfalls mit ihnen interagieren. Für Bergson verfehlen die Naturwissenschaften wie auch die traditionelle Metaphysik, die beide mit einer verräumlichten, homogenisierten Zeit operieren, die eigentliche Dimension des Lebens, die in der reinen Dauer (pure durée) liegt. Im Zentrum des Seminars steht Bergsons Schrift „Materie und Gedächtnis“, flankiert von Texten von Gilles Deleuze („Le bergsonisme“), William James, Georg Simmel u.a.
 
Sommersemester 2002
 
Vom Gesamtkunstwerk zur totalen Installation
Von der Idee des Gesamtkunstwerks – der wechselseitigen Durchdringung und Verschmelzung aller Künste zu einer einzigen Kunst, die alle Sinne gleichzeitig anspricht - zur Idee der totalen Installation, der totalen Gestaltung der Umgebung des Betrachters. In der Kunst der Installation, die bis heute wenig reflektiert wurde, wehrt sich der Künstler definitiv gegen die Freiheit und den willkürlichen Kunstkonsum des Betrachters: Der Betrachter wird gleichsam in eine Falle gelockt, seine Wege werden gelenkt, seine Positionen vorgegeben, seine Wahrnehmung wird manipuliert. In vielen Video- und Kinoinstallationen werden auflerdem die Zeit und die Aufmerksamkeit, die der Betrachter mitbringt, programmatisch überfordert. Anhand verschiedener Installations-Arbeiten sowie einiger Texte (u.a. Ilya Kabakov, „Die totale Installation“; Oskar Bätschmann, „Ausstellungskünstler“) soll vor dem Hintergrund des einstmaligen „Hangs zum Gesamtkunstwerk“ (H. Szeemann) der aktuelle Hang zur Installation diskutiert werden.
 
Was heißt Engagement?
Hat alles Ästhetische notwendigerweise ethische Implikationen? (Muss beispielsweise ein Buch, das ein Lob des Antisemitismus singt, nicht zwangsläufig ein schlecht geschriebenes Buch sein?) Ausgehend von dieser Frage und in heftiger Polemik gegen eine ästhetizistische, bloß konsumierende und parasitäre Künstler-Aristokratie entwickelte Jean-Paul Sartre, der Prototyp des engagierten Autors, sein Konzept einer engagierten Kunst. Engagiert ist laut Sartre eine Kunst, die nicht an ein Publikum von Toten oder zukünftigen Menschen appelliert, sondern reflektiert, dass der Mensch sich jederzeit „in Situation“ befindet, dass er zur Freiheit „verurteilt“ ist und sich stets erneut entwerfen muss. Dabei kann Engagement nicht einfach mit politischer oder tendenziöser Kunst gleichgesetzt werden und ist durchaus von Ambivalenz gezeichnet. Sartres Theorie des Engagements sowie seine Performance des Engagements lösten in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts heftige Diskussionen aus. Im Seminar werden sowohl ausgewählte philosophische und literarische Schriften von Sartre („Das Sein und das Nichts“, „Was ist Literatur?“, „Die schmutzigen Hände“) gelesen als auch Autoren aus dem Umkreis dieser Diskussionen wie Julien Benda („Der Verrat der Intellektuellen“), Albert Camus („Der Mensch in der Revolte“), Maurice Merleau-Ponty („Die Abenteuer der Dialektik“) und Raymond Aron („Opium für Intellektuelle“).